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3 Unternehmen legen erste Gemeinwohlbilanz

Die Braucommune in Freistadt, WIEHAG und Saphenus legen erste Gemeinwohl-Bilanz
Die Coronakrise bekräftigt verantwortungsvolles Wirtschaften und Entscheidung zur Gemeinwohl-Bilanzierung

Wie gelebte Gemeinwohl-Ökonomie in der Praxis aussieht, haben die Braucommune in Freistadt (OÖ), Holzbau-Spezialist WIEHAG (Altheim, OÖ) und das Start-Up Saphenus Medical Technology (Krems, NÖ) jetzt in ihrer Gemeinwohl-Bilanz dokumentiert.
Ob 250-jährige Braucommune, Industrieunternehmen in 5. Generation oder innovatives Start-Up: Die Gemeinwohl-Bilanz bietet einen 360-Grad-Blick auf die soziale, ökologische und ökonomische Verantwortung und liefert eine wertvolle Basis für strategische Entscheidungen. Darüber hinaus erfüllt sie – wie in einem juristischen Gutachten (Institut für Umweltrecht an der JKU) bestätigt – die Vorgaben zur Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Kein ständiges Wachstum möglich
Ewald Pöschko, MBA | Braucommune in Freistadt

Das GWÖ-Prinzip „Kooperation statt Konkurrenz“ ist bei der Braucommune in Freistadt schon seit vielen Jahren gelebte Realität: Gemeinsam mit acht anderen, privaten Brauereien – den „Culturbrauern“ – setzt sie sich für die Erhaltung der Biervielfalt und das Überleben von österreichischen Privatbrauereien ein. Ein weiterer Bereich, wo das Unternehmen punktet, ist die regionale Rohstoffbeschaffung: Der Hopfen kommt zu 100 Prozent aus kontrolliertem, naturnahem Anbau aus dem Mühlviertel. 35 regionale Hopfenbauern liefern die kostbaren Dolden. „Wir glauben, dass wir in Zukunft andere Wege gehen müssen. Es wird kein ständiges Wachstum geben“, so Ewald Pöschko, Geschäftsführer der Braucommune. Die Gemeinwohl-Bilanz dient für ihn als Grundlage dafür, das gesamte Unternehmen strukturell neu auszurichten und der Nachhaltigkeit und Regionalität noch mehr Gewicht zu geben.

Nächste Generation setzt neue Impulse
Katharina Wiesner, B.Sc. | Holzbau WIEHAG
Seit einem Jahr arbeitet Katharina Wiesner im elterlichen Betrieb, dem oberösterreichischen Familienunternehmen WIEHAG mit. Der Holzbauspezialist, der mit weltweiten Vorzeigeprojekten für Pionierleistungen im klimafreundlichen Bauen steht, beweist seit 170 Jahren, dass es möglich ist, ökologisch und sozial zu handeln und
dabei langfristig ökonomisch erfolgreich zu sein. Die von Wiesner initiierte und soeben fertiggestellte Gemeinwohlbilanz bestätigt mit ihrem sehr positiven Bilanzergebnis diesen ganzheitlichen Erfolg. „Als Vertreterin der nachfolgenden Generation ist es mir wichtig, dass wir die vielseitigen Aspekte der Nachhaltigkeit noch stärker in unser Leitbild einbinden
und so als Unternehmen Bewusstsein für verantwortungsvolles Wirtschaften schaffen“, so Wiesner. Inmitten der sehr ressourcenintensiven Bauindustrie nimmt WIEHAG damit eine aktive Rolle in der Wende hin zu einer material- und energieeffizienteren Bauweise ein.

Von Beginn an gemeinwohlorientiert
Mag. Rainer Schultheis | Saphenus Medical Technology
Einen Gegenentwurf zur gängigen Start-Up-Strategie, nämlich schnell zu wachsen und das Unternehmen bald teuer zu verkaufen, verfolgt Rainer Schultheis, Geschäftsführer von Saphenus Medical Technology. Den Gründern des jungen Medizintechnikunternehmens, das die weltweit erste fühlende Prothese entwickelt hat, war wichtig, die drei Säulen der Nachhaltigkeit von Beginn an holistisch zu verwirklichen. „Gerade in der
Medizintechnik-Branche steckt die Gemeinwohl-Orientierung noch in den
Kinderschuhen, und es ist schwierig, Kooperationspartner*innen zu finden, die ethisch handeln“, so Schultheis. Eine Herausforderung, die das junge Unternehmen gerne annimmt. Darüber hinaus sieht Schultheis es als seine Aufgabe, andere Start-Ups für den Gemeinwohlgedanken zu begeistern.

Betriebsbesichtigungen als Höhepunkt des Bilanzierungsprozesses
Miteinander statt gegeneinander war für die drei Unternehmen auch das
Motto beim Erstellungsprozess der Gemeinwohl-Bilanz. Möglich machte
das der GWÖ-Regionalverein Oberösterreich: In Kooperation mit der
GWÖ-Beratergruppe Salzburg veranstaltete er die Workshopreihe „Meine
1. Gemeinwohl-Bilanz“. „Der Höhepunkt sind die Betriebsbesichtigungen
bei den bilanzierenden Unternehmen. Da kann Gemeinwohl-Orientierung
hautnah erlebt werden und die Teilnehmenden befruchten sich
gegenseitig“, beschreibt Vereinsobmann Markus Rapold, der an den Workshops teilnahm, den Nutzen für die Betriebe. Aufgrund der positiven Resonanz wird die Workshopreihe im Herbst 2020 fortgesetzt.

Über die Gemeinwohl-Ökonomie
Die weltweit agierende Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung wurde 2010 ins Leben gerufen. Sie basiert auf den Ideen des österreichischen Publizisten Christian Felber. Aktuell umfasst sie weltweit rund 11.000 Unterstützer*innen, rund 4.800 Aktive in über 180 Regionalgruppen, 35 GWÖ-Vereine, etwa 600 bilanzierte Unternehmen und andere Organisationen, knapp 60 Gemeinden und Städte sowie 200 Hochschulen weltweit, die die Vision der Gemeinwohl-Ökonomie verbreiten, umsetzen und weiterentwickeln — Tendenz steigend! Seit Ende 2018 gibt es den Internationalen GWÖ-Verband, in
dem sich die neun nationalen Vereine abstimmen und ihre Ressourcen bündeln. Stand 06/2020.

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